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stoerfrequenz

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Der WTF??? Faktor oder: Stoerfrequenz bringt mal ein bischen Licht ins Dunkel

In den Myriaden Genrebezeichnungen des Oberbegriffes "Visual Kei" geht man schneller verloren als die berühmte Nadel im Heuhaufen.
Wenn man also als westliche Musikhörer Terme wie Eroguro Kei, Oshare Kei, Cosplay Kei oder auch ganz simpel Visual Kei an den Kopf geknallt bekommt, steht man natürlich ganz schön im Dunkeln.
Und selbst wenn man in japanischer Musik bewandert ist lassen einen solche Bezeichnungen erst mal stutzen.
Mein persönliches "WTF??" war der Begriff Angura Kei und deshalb habe ich beschlossen erst mal für mich, und auch für alle die es interessiert, Licht in dieses sprichwörtlich dunkle Sub-Genre des Visual Kei zu bringen.



Erst mal zu dem Begriff an sich: "Angura" stellt ein Akronym des englischen Wortes Underground in japanischer Sprechweise (ANdaGURAundo) dar. Der Term/Suffix "Kei" ist viel diskutiert und ich möchte es auch jedem selbst überlassen dafür eine passende deutsche Bezeichnung zu finden.

Fragt man die Wikipedia um Rat, wird einem erklärt, dass es sich bei Angura Kei um ein VK Sub-Genre handelt, dessen Wurzeln im unabhängigen Theater der japanischen 60er liegen. Im Grunde genommen ging es darum, etwas einmalig Japanisches zu erschaffen und den so genannten, stereotypischen japanischen Genres wie auch der Westernisation (gibt es da ein deutsches Wort für??) etwas entgegenzustellen.
Soweit, so gut. Aber nun stellt sich die Frage, wie denn das Theater zur Musik gelangte.

Diese Frage führt auf einem Mann zurück, der heutzutage international als großer Avantgarde Künstler seiner Zeit gefeiert wird aber zu "seiner" Zeit eher seine Anerkennung aus dem Untergrund erhielt.
Die Rede ist von Shuuji Terayama (1935 - 1985), welcher nicht nur Regisseur und Stückeschreiber, sondern auch ein gefeierter Tanka Dichter war.
Terayamas Produktionen während des zweiten Weltkriegs waren sehr umstritten und beschäftigten sich mit notorisch japanischen Tabuthemen wie sexueller Freiheit, emotionale Unterdrückung und dem derzeitigen Krieg selbst. Und das natürlich in einer provokativ, traditionell japanischen Kulisse. Zu der damaligen Zeit sorgte das verständlicherweise für einiges an Anstoß und somit wurden seine Werke auch vom Großteil der japanischen Bevölkerung ignoriert.
Das Konzept aktuelle oder Tabuthemen in eine Kulisse zu legen die auf jahrtausende alte Kultur, Religion und Tradition zurückblickt war hiermit geboren.
 
Aber wieder zurück zur Musik:
Bands wie X Japan, Boowy und Buck-Tick eroberten in den 80ern die japanische Musiklandschaft. Zur gleichen Zeit, jedoch nicht im Licht der Medien, fingen Bands wie Kinni'ku Shoujo-tai an ihren schrägen Sinn für Humor über den "Happy Pop" mit eher "Heavy Rock" Songs zu mischen. Daraus entstand nicht nur ein eigenes Genre sondern auch ein großer Kult um diese Bands. Die Popularität dieser Bands war immens, jedoch war die Thematik ihrer Songs, wie auch die Performance oft so bizarr und seltsam, dass es nicht für den allgemeinen Musikmarkt taugte, dafür aber hervorragend in das Schema einer Untergrundbewegung passte.
Über die Jahre bestimmten Bands, die man heutzutage gut und gerne als Veteranen bezeichnen kann (z.B. Kinni'ku Shoujo-tai, Gargoyle, Ningen Isu), den Sound und das Image dieser Untergrund Bands bis dann Mitte der 90er die neuen Bands, die auf den Pfaden der Gründer wandelten, anfingen, traditionelle japanische Musik wie z.B. Enka, Min'yo oder auch Lullabies in ihre Musik einzubauen.

Die erste offensichtliche Verbindung zwischen Shuuji Terayama und dem heute bekannten Angura Kei Genre tauchte aber erst Mitte der 90er auf.
Und wem der Begriff "Angurai Kei" schon mal begegnet ist, dem ist auch garantiert dieser Name schon einmal über den Weg gelaufen:
Inugami Circus-dan
Der Name "Inugami" bedeutet a) Hundegott und ist somit auf die japanische Mythologie bezogen und b) ist es der Name des gleichnamigen Stücks von Terayama.
Und auch das Konzept, das bereits im zweiten Weltkrieg entstand, wurde wieder aufgegriffen. Inugami Circus-dans Frontfrau Kyouko performt stets in einem Kimono und spricht in ihren Lyrics über Tabuthemen wie Kannibalismus, verrottende Leichen und ähnlich bizarre Dinge. Der Rest der Truppe trägt Uniformen die nach 40/50er anmuten und alles in allem wirkt die Band visuell gesehen wie aus der Vergangenheit. Was man dann jedoch auf die Ohren bekommt ist nicht etwa japanische Volksmusik sondern grundsolider, moderner Rock.
Inugami Circus-dan sind eigentlich das beste und offensichtlichste Beispiel um die Avantgarde Kunst Shuuji Terayamas mit dem heutigen VK Sub-Genre in Verbindung zu bringen aber es ist auch schrecklich stereotypisch, denn das Genre hat eigentlich noch viel mehr zu bieten als soliden Rock und Kimonos.

Bei Bands wie z.B. Raoya steht der Enka Einfluss mehr im Vordergrund oder Truppen wie Dokusatsu Terrorist und Shineshine-dan nehmen das Ganze dann eher auf die Schippe, spielen Schrammel-Punk oder singen so offen und explizit über sexuelle Themen das man, sofern man der japanischen Sprache mächtig ist, kaum eine andere Möglichkeit hat als rot zu werden.
Und auch das "Angura" welches seine Wurzeln im Theater hat wird von vielen Bands (z.B. Guruguru Eigakan) wieder aufgegriffen und als kleine Dramen während Konzerten aufgeführt. Und auch die kleinen Hörspiele, enthalten auf dem Audiomaterial dieser Bands, sind in der Angura Kei Szene weit verbreitet.
Mit so vielen Variationen innerhalb eines Genres ist es schwierig einen roten Faden zu finden aber im Allgemeinen kann man sagen, dass alle Angura Kei Bands einem auf die eine oder andere Weise ein  "japanisches", manchmal auch nostalgisches Gefühl geben. Sei es mit Kanji bemalten Bühnen, Kimonos oder Enka Klängen.
Theoretisch ^-^;;

Ich hoffe ich konnte zumindest etwas für Aufklärung sorgen und da wir hier das Glück einer Schwester-Community Namens twisted_tunes haben, eröffnet sich euch auch die Möglichkeit, mal in das Genre hineinzuschnuppern und euch persönlich ein Bild davon zu machen.


Uebrigens:
Alle Angaben hier ohne Gewaehr ^^ Das ist eine persoenliche Sicht der Dinge. Wem dieses nicht passt oder wer es besser weiss, immer her mit den Infos :D
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